Systemische Dramaturgie

Mein Selbstverständnis als Systemische Dramaturgin

Mit meinem Selbstverständnis setze ich auf wirkungsvolle und zeitgemäße Kompetenzen einer Dramaturg*in:

  • ein Forschungsinteresse und die Lust an einem tiefgreifenden und komplexen Verständnis,
  • die Fähigkeit, gemeinsame und divergierende Interessen zu erkennen und an Lösungen zu arbeiten,
  • die Gelassenheit, Widersprüche als kreatives Moment auszuhalten, das Vielfalt ermöglicht,
  • das Vermögen, mit Abstand auf Prozesse zu blicken und diese differenziert zu beschreiben,
  • ein Erfahrungswissen sowie zugleich ein von Offenheit geprägtes Gespür dafür, wann die Dramaturgie eines Werkes Kraft für die Mitwirkenden und die Zuschauenden bzw. Partizipierenden entfaltet,
  • die Fähigkeit, Gesprächs- und Denkräume für Ungewöhnliches zu öffnen und zu halten,
  • die geistige Agilität, vermeintlich Unvereinbares miteinander zu denken,
  • die Offenheit, bestehende Bewertungskriterien für „gute Arbeit“ überprüfen und neue entwickeln zu können,
  • feine Antennen für aktuelle Themen und zukünftige Entwicklungen,
  • das Wissen um die Kraft von verbaler und non-verbaler Kommunikation,
  • die Fähigkeit, das Intuitive, Magische, Unerklärliche in der Kunst anzunehmen,
  • die Begeisterung für das Theater und
  • die Neugier an den Menschen, die es hervorbringen.

Meine Arbeitsbiografie hat mir die Betrachtung des Gesamtsystems Theater aus der Innen- und Außenperspektive ermöglicht. Ich lernte die Theaterarbeit als künstlerischen Ausdruck von Theaterleitung, Ensemble und Regie oder eines Kollektivs kennen (Theaterarbeiten zwischen 1997 und 2005). Anschließend konzipierte ich selbst ein Angebot für ein
(Nicht-)Publikum und ging dabei nicht länger ausschließlich vom eigenen Anliegen der Produzierenden aus, sondern lernte den Bedarf und das Interesse der Rezipient*innen als ebenbürtige Partner*innen einer gemeinsamen ästhetischen Erfahrung zu begreifen (Island 2005-2007). In der Kulturpolitik erfuhr ich, dass die Intendant*innen nicht das Ende der Führungspyramide sind und gewisse Veränderungen, wie die interkulturelle Öffnung von Kultureinrichtungen, eines politischen Willens bedurften (2008-2011). Somit kann ich heute die verschiedenen Facetten des Gesamtsystems Theater (Programm, Personal auf und hinter der Bühne und das Profil – im Sinne eines wertebasierten Leitbildes) sowie dessen Kontext (Nicht-/Publikum, Partner, Politik) mitdenken, um an guten Voraussetzungen für die Theaterarbeit mitzuarbeiten.

Das Aufgabenspektrum der Dramaturg*in erweitert sich auch in Richtung Prozessbegleiter*in, Kommunikationsexpert*in und Outer-Eye größerer Beziehungsgeflechte, die Theaterschaffende innerhalb der Produktionen und über den klassischen Bühnenraum hinaus in die Gesellschaft hinein weben. Dramaturgie-Ausbildungen im europäischen Ausland, die Feedbackmethoden (eine wertschätzende Form, Wahrnehmungen zu spiegeln, ohne die gesehene Arbeit zu bewerten) und Mediationskompetenzen (Konfliktbearbeitungskompetenz) vermitteln, adressieren diesen zusätzlichen Bedarf bereits.

Mit dem systemischen Coaching gehe ich noch weiter. Ich setze von Anfang an auf eine konstruktive Zusammenarbeit, die im Sinne des Konstruktivismus die Perspektive der Beteiligten als Grundlage der künstlerischen Arbeit nimmt und sehr unterschiedliche Arbeits- und Organisationsformen berücksichtigt. Hier trenne ich ausdrücklich zwischen der Aufgabe der inhaltlich zu- und mitarbeitenden Produktionsdramaturg*in und der prozessorientierten Aufgabe der Dramaturg*in als Coach. Letztere ist mir aufgrund zahlreicher Weiterbildungen sowie Adaptionen von Methoden und Tools aus dem systemischen Coaching für die Arbeit in den Darstellenden Künsten möglich.

Als systemische Dramaturgin betrachte ich mich als Impulsgeberin und Gestalterin von Denk-, Begegnungs- und Arbeitsräumen, in denen die beteiligten Künstler*innen ihr gemeinsames Ziel formulieren und ihre Wege dorthin individuell als auch kollektiv erforschen und gestalten können. Für diese Aufgabe finde ich insbesondere die Verinnerlichung der Haltung eines Systemischen Coaches wichtig, die von Allparteilichkeit, Wertschätzung und Transparenz geprägt ist. Sie erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion, um die Möglichkeiten der eigenen Einflussnahme kritisch zu überprüfen. Dieses Wissen und diese Kompetenzen sowohl in der Zusammenarbeit mit Theaterschaffenden als auch im Rahmen meiner Lehrtätigkeiten zur Verfügung zu stellen, empfinde ich als wichtigen Beitrag, Theater in die Zukunft zu führen.

Ich betrachte meine Arbeit als einen Beitrag zur Demokratisierung am Theater. Vielerorts sehen wir, dass bisherige Verständnisse von Führung und Zusammenarbeit nicht mehr ausreichen, um den Anforderungen, denen sich Theaterschaffende stellen wollen, gerecht zu werden. Hierzu bedarf es einer Befragung, wieviel Verantwortung und Gestaltung jede*r Einzelne zu übernehmen fähig und bereit ist. Es braucht eine Betrachtung der Zusammenhänge von Individuen, Verhalten, Zusammenarbeit, Strukturen und Kunst.

Und welche Position am Theater wäre dazu prädestinierter als ein Mitglied der Dramaturgie mit coachender Kompetenz?